Risikoklassifizierung nach Anhang III erklärt
Die EU-KI-Verordnung verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Artikel 6(2) definiert hochriskante KI-Systeme als solche, die unter eine der acht in Anhang III aufgeführten Kategorien fallen. Wenn Ihr KI-System eine dieser Kategorien erfüllt, gelten alle Pflichten aus Kapitel III, Abschnitt 2 (Artikel 8-15).
Dieser Leitfaden erläutert jede Kategorie in einfacher Sprache, damit Sie feststellen können, ob Ihre KI-Systeme als hochriskant einzustufen sind.
Wie die Klassifizierung funktioniert
Es gibt zwei Wege, nach der EU-KI-Verordnung als hochriskant eingestuft zu werden:
- Artikel 6(1) — Weg über die Sicherheitskomponente: Das KI-System ist eine Sicherheitskomponente eines Produkts, das unter bestehende EU-Harmonisierungsrechtsetzung fällt (z. B. Medizinprodukte, Maschinen, Spielzeug, Fahrzeuge), und erfordert nach dieser Rechtsetzung eine Drittparteien-Konformitätsbewertung.
- Artikel 6(2) — Weg über Anhang III: Das KI-System fällt unter eine der acht in Anhang III aufgeführten Anwendungsfall-Kategorien. Diesen Weg müssen die meisten Organisationen prüfen.
Wichtige Ausnahme: Ein KI-System aus Anhang III ist nicht hochriskant, wenn es kein erhebliches Risiko für Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechte darstellt. Dazu gehören Fälle, in denen das System das Ergebnis der Entscheidungsfindung nicht wesentlich beeinflusst. Diese Ausnahme gilt jedoch nicht, wenn das System ein Profiling natürlicher Personen vornimmt.
Kategorie 1: Biometrie
KI-Systeme zur biometrischen Identifizierung, Kategorisierung oder Emotionserkennung — soweit nach EU- oder nationalem Recht zulässig.
- Biometrische Identifizierung aus der Ferne — Systeme, die natürliche Personen aus Distanz identifizieren, indem biometrische Daten mit Referenzdatenbanken abgeglichen werden. Schließt einfache biometrische Verifikation aus (Bestätigung, dass jemand der ist, der er vorgibt zu sein).
- Biometrische Kategorisierung — Systeme, die sensible oder geschützte Attribute aus biometrischen Daten ableiten. Beispiele sind Rasse, politische Meinungen, Gewerkschaftszugehörigkeit, religiöse Überzeugungen, Sexualleben und sexuelle Orientierung.
- Emotionserkennung — Systeme, die zur Erkennung von Emotionen natürlicher Personen bestimmt sind.
Kategorie 2: Kritische Infrastrukturen
KI-Systeme, die als Sicherheitskomponenten beim Management und Betrieb der folgenden Bereiche eingesetzt werden sollen:
- Kritische digitale Infrastruktur
- Straßenverkehrsmanagement
- Versorgung mit Wasser, Gas, Wärme oder Strom
Beispiel: Ein KI-System, das die Ampelschaltungen an Kreuzungen steuert, oder eines, das die Lastverteilung im Stromnetz prognostiziert und steuert.
Kategorie 3: Bildung & Berufsausbildung
- Entscheidung über den Zugang oder die Zulassung zu Bildungs- oder Berufsausbildungseinrichtungen
- Bewertung der Lernergebnisse, einschließlich Steuerung des Lernprozesses
- Beurteilung der angemessenen Bildungsstufe, die eine Person erhalten oder zu der sie Zugang haben wird
- Überwachung und Erkennung verbotenen Verhaltens von Studierenden während Prüfungen
Beispiel: Ein KI-System, das von einer Universität zur Vorauswahl und zum Ranking von Bewerbern eingesetzt wird, oder ein automatisches Bewertungssystem für Aufsätze in Abschlussprüfungen.
Kategorie 4: Beschäftigung & Mitarbeitendenführung
- Rekrutierung und Auswahl — Schaltung gezielter Stellenanzeigen, Filterung von Bewerbungen sowie Bewertung von Kandidaten in Vorstellungsgesprächen oder Tests
- Arbeitsbezogene Entscheidungen — Auswirkungen auf Beförderung, Kündigung, Aufgabenzuweisung anhand individuellen Verhaltens oder persönlicher Eigenschaften sowie Überwachung und Bewertung von Leistung und Verhalten
Beispiel: Ein KI-Screening-Tool, das Lebensläufe einstuft und Kandidaten in die engere Wahl nimmt, oder ein Leistungsüberwachungssystem, das Mitarbeitende anhand von Verhaltensmustern zur Überprüfung kennzeichnet.
Kategorie 5: Wesentliche Dienste
KI-Systeme im Zusammenhang mit dem Zugang zu und der Inanspruchnahme von wesentlichen privaten und öffentlichen Diensten und Leistungen:
- Anspruch auf öffentliche Leistungen — Bewertung des Anspruchs auf öffentliche Beihilfen, Gesundheitsleistungen oder Gewährung/Kürzung/Entzug solcher Leistungen
- Bonitätsbewertung — Bewertung der Kreditwürdigkeit oder Festlegung von Bonitätswerten (ausgenommen Betrugsaufdeckung)
- Versicherungsrisikobewertung — Risikobewertung und Tarifierung für Lebens- und Krankenversicherungen
- Notdienste — Bewertung oder Klassifizierung von Notrufen, Disposition von Ersthelfern oder Triage von Patienten im Notfall
Kategorie 6: Strafverfolgung
Soweit nach EU- oder nationalem Recht zulässig:
- Bewertung des Risikos, dass eine Person Opfer einer Straftat wird
- Systeme, die als Polygraphen oder ähnliche Werkzeuge zur Lügenerkennung fungieren
- Bewertung der Beweiszuverlässigkeit in strafrechtlichen Ermittlungen
- Bewertung des Risikos, dass eine Person Straftaten begeht oder erneut begeht (nicht ausschließlich auf Profiling basierend)
- Profiling von Personen bei Aufdeckung, Ermittlung oder Verfolgung von Straftaten
Kategorie 7: Migration & Grenzkontrolle
Soweit nach EU- oder nationalem Recht zulässig:
- Polygraphen oder ähnliche Werkzeuge im Migrationskontext
- Bewertung der Risiken (Sicherheit, irreguläre Migration, Gesundheit), die von Personen an Grenzen ausgehen
- Unterstützung bei der Prüfung von Anträgen auf Asyl, Visa oder Aufenthaltsgenehmigungen
- Erkennen, Wiedererkennen oder Identifizieren von Personen in Migrations- und Grenzkontrollkontexten (ausgenommen Überprüfung von Reisedokumenten)
Kategorie 8: Justiz & demokratische Prozesse
- Unterstützung der Justizbehörden bei Recherche und Auslegung von Sachverhalten und Recht, bei der Anwendung des Rechts auf konkrete Sachverhalte oder bei alternativer Streitbeilegung
- Wahlen oder Referenden beeinflussen — KI-Systeme, die das Wahlverhalten beeinflussen sollen (ausgenommen Wahlkampflogistik-Tools, die Nutzer nicht direkt KI-Ausgaben aussetzen)
Was passiert, wenn Ihr System hochriskant ist?
Wenn Ihr KI-System in eine der obigen Kategorien fällt, müssen Sie Folgendes erfüllen:
- Risikomanagementsystem (Artikel 9)
- Daten- und Data-Governance-Anforderungen (Artikel 10)
- Technische Dokumentation gemäß Anhang IV (Artikel 11)
- Automatische Protokollierung und Aufzeichnung (Artikel 12)
- Transparenz und Gebrauchsanweisung (Artikel 13)
- Maßnahmen zur menschlichen Aufsicht (Artikel 14)
- Standards für Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit (Artikel 15)
- Konformitätsbewertung vor dem Inverkehrbringen (Artikel 43)
- EU-Konformitätserklärung und CE-Kennzeichnung (Artikel 47-48)
- Registrierung in der EU-Datenbank (Artikel 49)
Häufig gestellte Fragen
Was ist Anhang III der KI-Verordnung?
Anhang III listet die Anwendungsfälle auf, in denen ein KI-System nach Artikel 6 Absatz 2 als hochriskant eingestuft wird. Er umfasst acht Bereiche. Dazu gehören Biometrie, kritische Infrastruktur, allgemeine und berufliche Bildung sowie Beschäftigung, Personalmanagement und Zugang zur Selbstständigkeit. Dazu gehört auch der Zugang zu grundlegenden privaten und öffentlichen Diensten und Leistungen. Die letzten Bereiche sind Strafverfolgung, Migration, Asyl und Grenzkontrolle sowie Rechtspflege und demokratische Prozesse.
Ist jedes KI-System in einem Anhang-III-Bereich automatisch hochriskant?
Nein. Artikel 6 Absatz 3 sieht eine Ausnahme für Systeme in Anhang-III-Bereichen vor. Ein System ist nicht hochriskant, wenn es kein erhebliches Risiko der Beeinträchtigung von Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechten birgt. Das gilt zum Beispiel für Systeme, die nur eine eng gefasste Verfahrensaufgabe oder eine vorbereitende Aufgabe erfüllen. Die Ausnahme gilt nie, wenn das System ein Profiling natürlicher Personen vornimmt. Ein Anbieter, der sich auf die Ausnahme beruft, muss seine Bewertung dokumentieren, bevor er das System in Verkehr bringt.
Ab wann gelten die Hochrisiko-Pflichten für Anhang-III-Systeme?
Infolge des Digital Omnibus gelten die Pflichten für Hochrisiko-Systeme nach Anhang III ab dem 2. Dezember 2027. Systeme, die in Produkte nach Anhang I eingebettet sind, folgen ab dem 2. August 2028. Die Bestimmungen zu verbotenen Praktiken und zur KI-Kompetenz gelten bereits.
Welche Pflichten folgen, sobald ein System als hochriskant eingestuft ist?
Der Anbieter muss die Anforderungen von Kapitel III Abschnitt 2 umsetzen. Dazu gehören Risikomanagement, Daten-Governance, technische Dokumentation nach Anhang IV, Protokollierung, Transparenz, menschliche Aufsicht sowie Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit. Anschließend muss der Anbieter eine Konformitätsbewertung durchlaufen und die EU-Konformitätserklärung ausstellen. Zum Schluss bringt der Anbieter die CE-Kennzeichnung an und registriert das System in der EU-Datenbank.
Kann sich die Liste in Anhang III ändern?
Ja. Die Kommission kann Anhang III per delegiertem Rechtsakt nach Artikel 7 ändern und Anwendungsfälle mit gleichwertigem oder höherem Risiko hinzufügen oder anpassen. Die Einstufung ist daher keine einmalige Übung — prüfen Sie Ihre Systeme regelmäßig anhand der aktuellen Liste.
Verwandte Ressourcen
- Vorlage für die technische Dokumentation nach Anhang IV (kostenloser DOCX-Download)
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